Wacht auf, Menschheit


Ich habe als Kind im Bürgerkrieg gelebt.
Ich erinnere mich an Nächte im selbstgebauten Bunker mit meiner Familie.
An Tage ohne Wasser, bis wir auf der Halbinsel Jaffna endlich einen Brunnen fanden.
An die Angst, dass jeder Moment der letzte sein könnte.

Ich erinnere mich an Geschichten aus der Nachbarschaft:
Wer wieder von Soldaten getötet wurde.

Ich erinnere mich an meine Schwester, die mit 12 Jahren auf dem Schoß meiner Mutter starb – weil es keine Ärzte gab, die ihr helfen konnten.

Mit 11 verkaufte ich Obst und Gemüse, um meine Familie zu unterstützen.
Mit 12 gab mich meine Mutter aus Verzweiflung in die Hände einer Schlepperbande – in der Hoffnung, dass ich irgendwo eine Zukunft finde.

Acht Monate lang hörte sie kein Lebenszeichen von mir.

Meine Reise führte über drei Kontinente und sieben Länder, bis ich schließlich in Deutschland ankam.

Hier durfte ich zum ersten Mal erleben, was viele für selbstverständlich halten:
Freiheit.
Sicherheit.
Demokratie.
Die Möglichkeit, meine Meinung zu sagen.

Deshalb trifft mich etwas heute besonders:

Wenn Menschen, die nie Krieg erlebt haben, über Bomben sprechen, als wären sie eine Lösung.

Krieg ist keine Schlagzeile.
Krieg ist kein politisches Argument.

Krieg ist Angst.
Krieg ist Hunger.
Krieg ist der Moment, in dem ein Kind seine Schwester verliert.

In den letzten Tagen denke ich viel an meine Freundin Peggy Parnass.
Sie überlebte als jüdisches Kind den Nationalsozialismus, während ihre Eltern im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden. Ihr ganzes Leben kämpfte sie für Menschenrechte und gegen das Vergessen.

Menschen wie sie erinnern uns daran, was wirklich zählt:

Menschlichkeit.

Ich trage keine Verantwortung für die Vergangenheit.
Aber ich trage Verantwortung für die Gegenwart.

Deshalb frage ich euch:

Wer von euch hat jemals einen Krieg erlebt und glaubt wirklich, dass Krieg eine Lösung ist?

Warum sollte ein Mensch wegen seiner Religion, seiner Nationalität oder seiner Hautfarbe mehr wert sein als ein anderer?

Wir alle sind nur Gäste auf dieser Erde.
Eines Tages werden wir sie ohnehin verlassen.

Warum also Hass?
Warum Machtkämpfe?
Warum immer mehr wollen, obwohl wir nichts mitnehmen können?

Vielleicht sollten wir uns wieder daran erinnern:

Bevor wir Deutsche, Israelis, Palästinenser, Europäer, Muslime, Christen oder Juden sind…

sind wir eines:

Menschen. ♥️

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