Die Bedeutung von Hausbesuchen


Letzte Woche hatte ich Sprechstunde in unserer Landarztpraxis, als plötzlich ein verzweifelter Anruf kam. Am Telefon war die Ehefrau eines 80-jährigen Patienten. Seit zwei Tagen litt ihr Mann unter starkem Durchfall und Erbrechen, hatte kaum etwas gegessen oder getrunken und lag inzwischen völlig erschöpft im Bett.

Einen Notarzt wollte sie nicht rufen – sie fühlte sich mit der Organisation überfordert, die Kinder wohnen weit weg, und beim letzten Mal hatte sie viele Stunden in der Notaufnahme verbracht.

Da saßen meine Patienten im Wartezimmer – und am anderen Ende der Leitung eine verzweifelte Ehefrau, die einfach auf Unterstützung hoffte.

Als Team haben wir kurz beraten und uns entschieden: Wir erklären den wartenden Patientinnen und Patienten die Situation – und ich fahre schnell zum Hausbesuch.

Als ich an dem großen Haus nahe eines Bauernhofs ankam, lag der Patient sehr geschwächt und deutlich ausgetrocknet unter seiner Decke. Nach Kontrolle der Kreislaufparameter wurde schnell klar: Sein Körper brauchte vor allem Flüssigkeit. Also legte ich einen Zugang und gab ihm eine Infusion mit Kochsalzlösung.

Natürlich war ich gestresst und hatte meine volle Sprechstunde im Kopf. Doch als ich die Erleichterung im Gesicht der Ehefrau sah – und die Stimme des Patienten langsam wieder kräftiger wurde – wurde mir wieder einmal bewusst, wie viel man manchmal mit kleinen Maßnahmen bewirken kann.

Improvisation gehört auf dem Land oft dazu: Weil mein Arm schon müde war, holte ich kurzerhand eine Stehlampe und nutzte sie als Infusionsständer, die Flasche befestigt mit einem Stauschlauch. Draußen auf dem Land ist vieles anders als im Krankenhaus – man wird automatisch kreativ.

Was bleibt, ist die Dankbarkeit.

Es geht hier nicht um eine Verpflichtung zu Hausbesuchen. Aber um ihre Bedeutung – und darum, diese Form der Versorgung zu erhalten. Besonders in ländlichen Regionen werden solche Besuche täglich von vielen Kolleginnen und Kollegen durchgeführt.

Gleichzeitig wissen wir alle: Nicht jede Praxis kann sich Hausbesuche angesichts von Personalmangel und Arbeitsbelastung leisten. Der Hausarzt ist oft der Allrounder, der den Überblick über alles behalten muss.

Nach 20 Jahren Krankenhausarbeit tut es mir persönlich sehr gut, nun auch in der Landarztpraxis zu arbeiten. Es erweitert meinen Blick auf unser Gesundheitssystem – und zeigt mir jeden Tag, wie wichtig diese wohnortnahe, persönliche Versorgung ist.

Ein großes Dankeschön an all die Kolleginnen und Kollegen – und ganz besonders an die engagierten MFA in den Praxen, vor allem auf dem Land – für ihren unermüdlichen Einsatz. 🙏❤️

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