Als angehender Landarzt beschäftigt mich eine Frage immer wieder:
Wie viel Zeit sollte ich mir für einen einzelnen Patienten nehmen?
Internationale Zahlen zeigen enorme Unterschiede:
In Schweden dauert ein durchschnittlicher Arzt-Patienten-Kontakt etwa 24,5 Minuten.
In Bangladesch hingegen sind es im Schnitt nur 49 Sekunden.
Und bei uns?
Im Krankenhaus habe ich Visiten im 2-Minuten-Takt gemacht, um das Tagesgeschäft zu bewältigen, bevor ich müde ins Bett gefallen bin.
Ich dachte ehrlich, in der Niederlassung würde es entspannter werden. Mehr Zeit. Mehr Gespräch. Mehr Medizin.
Die Realität?
Die Bürokratie ist mitgekommen.
Nicht die Entlassungsbriefe sind es.
Es sind Reha-Anträge, Frührentenverfahren, Fristen der Behörden – Aufgaben, die uns bis in die Abendstunden begleiten.
Der durchschnittliche Arzt-Patienten-Kontakt in der Allgemeinmedizin in Deutschland liegt bei 7,5 Minuten.
Ökonomisch betrachtet lohnt es sich für eine Praxis kaum, deutlich über 10 Minuten hinauszugehen. Miete, Personal, Geräte – all das muss finanziert werden.
Aber wenn ich meine Patienten frage, wie viel Zeit sie sich wünschen, höre ich selten eine Zahl unter 20 Minuten.
Häufig 30 Minuten.
Manche sogar eine Stunde.
Und ich verstehe diesen Wunsch.
Denn für jeden Patienten ist er selbst die wichtigste Person –
und sein Anliegen in diesem Moment das einzige.
Für mich aber sind alle Patienten wichtig.
Und alle Anliegen verdienen Aufmerksamkeit.
Genau hier entsteht das Spannungsfeld.
Wenn ich jeden Termin auf 30 Minuten ansetzen würde – wie viele Patienten könnte ich am Tag noch versorgen?
Wer müsste länger warten?
Wer bekäme vielleicht keinen Termin mehr?
Es geht nicht in erster Linie um einzelne Abrechnungsziffern.
Es geht um Versorgungskapazität.
Es geht um Verantwortung.
Wir sind unseren Patienten eine Erklärung schuldig.
Nicht als Rechtfertigung – sondern um Verständnis zu schaffen.
Denn Transparenz erzeugt Empathie.
Die meisten Praxen arbeiten im 10-Minuten-Takt.
Ich bin dankbar, dass ich in meiner Landarztpraxis im 15-Minuten-Takt arbeiten kann. Für mich ist das ein Balanceversuch.
Akuttermine strukturiert und effizient.
Geplante Gespräche mit mehr Raum.
Gewonnene Minuten bei stabilen Patienten nutze ich für diejenigen, die selten kommen oder mehr Gesprächsbedarf haben.
Denn Vertrauen braucht Zeit.
Mein Ziel ist gute Medizin –
und zufriedene Patienten.
Und eine Praxis, die langfristig bestehen kann.
Vielleicht sollten wir offener darüber sprechen,
wie viel Zeit gute Medizin wirklich braucht
und wie wir sie gemeinsam möglich machen.
Was denkt Ihr?

Wacht auf, Menschheit
Ich habe als Kind im Bürgerkrieg gelebt.Ich erinnere mich an Nächte im selbstgebauten Bunker mit meiner Familie.An Tage ohne Wasser, bis wir auf der Halbinsel


